Lesen am Tresen

Allmählich fällt auf, dass meine Anreise zu meinen Events stets ein Abenteuer ist. Als wäre der Anlass selbst nicht schon genug spannend! Aber ich greife vor. Denn zuerst gilt es, folgende Frage zu klären: Worum geht's eigentlich? 

 

Am 27. März 2019 fand im Teatro Palino, genauer gesagt in der UnvermeidBar in Baden, die Premiere der Veranstaltung "Lesen am Tresen" statt. Durch den Abend geführt haben die beiden Moderatoren Urs Heinz Aerni und Annette König (von ihr stammt die links eingefügte Collage). Sie hat unter anderem den Buch-Blog "Die BuchKönig bloggt". Als Gäste wurden der Wortkünstler Simon Libsig und meine Wenigkeit eingeladen. Die UnvermeidBar wurde von Stella Palino zur Verfügung gestellt, wofür ich ihr danke, denn ihre Bar versprüht ein einzigartiges Flair und war perfekt geeignet. 

 

Alles begann mit den klassischen Zweifeln einer Frau. Ungefähr eine Minute vor Aufbruch betrachtete ich mich im Spiegel. Da überfiel es mich: Das Outfit, das ich früher in der Woche ausgesucht hatte, passte nicht. Zumindest glaubte ich das. Das dringende Gefühl, die Kleidung noch einmal wechseln zu müssen, brach in mir durch. Thomas erkannte das wahre Problem: Die Klamotten war völlig in Ordnung, aber ich war es nicht. Ich war nervös. Er sprach mich darauf an, versuchte mich zu beruhigen, redete mir gut zu, dass ich absolut richtig angezogen sei. Ich wollte nicht hören. Dennoch blieb ich, wie ich war, denn sonst hätte ich mich gottlos verspätet. 

 

Von Winterthur aus wollte ich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln nach Baden fahren. Das ist eigentlich keine Hexerei, denn mit der S12 kommt man ohne Umsteigen nach Baden. Die Fahrt dauerte mir aber zu lange, weshalb ich eine schneller Verbindung wählte. Die S11 schien mir die passende Lösung. Der Plan: Mit ihr wären wir früh genug vor Ort, um Instruktionen zum Ablauf erhalten zu können und noch ein wenig zu plaudern. Aber es kam anders …

 

Die S11 fährt nicht direkt nach Baden. Ein Fakt, der mir eigentlich bekannt ist, den ich aber in der Hitze des Gefechts ganz offensichtlich ausgeblendet habe. Thomas und ich fuhren nämlich bis nach Dietikon, ehe er mich fragte, ob die S11 ganz bestimmt nach Baden fahren würde. Ich bejahte. Gleichzeitig folgte ich seinem Blick, der an der Haltestellenanzeige im Zug hängen blieb. Ich las die Anzeige mehrfach. Und dann noch einmal. Es änderte nichts: Baden stand nicht drauf.

 

Wir waren im falschen Zug. Wir prüften die Verbindung auf unseren Handys und mussten feststellen, dass ich mich komplett verguckt hatte. Eine Alternative musste her. In einer Blitzaktion stiegen wir in Killwangen-Spreitenbach aus. Zum Glück. Denn das war die letzte Haltestelle, an der man in ein Transportmittel umsteigen konnte, das uns innert nützlicher Frist nach Baden fuhr. 

 

Ausgerechnet die S12 rettete uns. Sie traf verspätet ein, was der angespannten Stimmung nicht unbedingt förderlich war. Letztlich kamen wir aber in Baden an. Thomas kannte zum Glück den Weg ins Teatro Palino. Dennoch, die geplante Ankunftszeit hielten wir nicht ein. Wir erreichten das Ziel 15 Minuten vor Programmstart, und wurden bereits sehnsüchtig erwartet. Ich erklärte, wie die Verspätung zustande kam, erzählte von unserem kleinen Ausflug nach Killwangen-Spreitenbach, und erntete Gelächter. Wen wunderts …

 

Ich wurde über die geplanten Abläufe aufgeklärt, dann ging es auch schon los. Den Anfang machte Simon Libsig. Er trug ein Gedicht vor. Er spielte mit den Worten, jonglierte geradezu mit ihnen, fügte sie in einer Weise zusammen, die ich nur bewundern kann. Er performte, und das ohne Spickzettel. Es war erstaunlich. Anschliessend plauderten die Moderatoren kurz miteinander. Danach wurde ich aufgerufen. Ich löste mich von meinem Platz an der Bar und betrat mit meinem Buch "Der Menschen-Präparator" unterm Arm die Bühne. 

 

Die Nervosität war sofort vergessen. Urs Heinz Aerni stellte mir ein paar Fragen, dann las ich einige Abschnitte aus meinem Buch "Der Menschen-Präparator" vor, ehe ich meinen Platz für Simon Libsig räumte. Ich pflanzte mich zwischen die beiden Moderatoren. Simon durfte sich ebenfalls einigen Fragen stellen, zwischendurch wurde ich wieder in das Gespräch mit eingebunden. Auf diese Weise entstand eine kleine Talkrunde, der die Zuschauer aufmerksam lauschten. Die Problematik war, dass wir nur ein Mikrofon hatten, das wir rumreichen mussten. Der Vorteil hingegen war, dass wir uns so nicht gegenseitig ins Wort fallen konnten.

 

Simon gab im Verlauf des Abends noch zwei weitere seiner Gedichte zum Besten und las auch noch aus seinem eigenen Buch. Zum Abschluss wurde auf den Büchertisch aufmerksam gemacht. Eine Dame kaufte mein Buch dann auch und liess es von mir signieren - namenlos, damit sie es weitergeben konnte, wenn sie es ausgelesen hat … 

 

Mit einem Glas Rotwein stiessen wir auf den gelungenen Abend an, ehe meine Mutter die gemütliche Runde sprengte: Es war Zeit, den Heimweg anzutreten, ansonsten wir ein Hotel in Baden hätten suchen müssen. 

 

Thomas trat die Rückreise nach Winterthur an, meine Mutter und ich fuhren nach Basel. Auf der Heimfahrt taten wir, was wir auf der Hinfahrt verpasst hatten: Wir stiegen unterwegs um. Wir mussten in Olten auf die Verbindung nach Basel warten. Dort kam es zu einer seltsamen Begegnung ...

 

Während meine Mutter und ich nichts ahnend auf dem Perron standen, begrüsste uns ein Fremder. Er sprach nur französisch. Wir konnten ihm kaum antworten, denn unser Französisch ist ziemlich eingerostet. Dennoch blieb der Mann bei uns. Er mochte es, Handküsschen zu verteilen und als er erfuhr, dass ich mit meiner Mutter reiste, wurde er zuerst sentimental, ehe er der Begegnung eine spirituelle Tiefe verpasste. Wie erfuhren, dass er seine Mutter mit neun Jahren verloren hatte. Er machte darum meine Mutter für den Rest der Reise zu seiner Ersatzmutter und zu seinem Medium. Er gab ihr einen Kuss auf die Stirn und stellte auf diese Weise die Verbindung zu seiner Mutter im Himmel her. So erklärte er es uns. Hochgezogene Augenbrauen und Schulterzucken waren unsere Reaktion auf diese Offenbarung. Nachdem sich der Mann auf meine Bücher gesetzt hatte, die auf dem Sitz neben meiner Mutter deponiert waren, döste er weg. In Basel angekommen wachte er wieder auf und ohne ein Wort des Abschieds gingen wir getrennte Wege. Kopfschüttelnd und grinsend gingen meine Mutter und ich zu ihrem Auto und fuhren heim. 

 

So schnell wie der Anlass gekommen ist, so schnell war er auch wieder vorbei. Erneut durfte ich tolle Menschen kennenlernen und in einzigartiger Umgebung einen Abend verbringen, der es wert ist, wiederholt zu werden. Herzlichen Dank dafür!