Supergrosi im Kampf gegen Littering

Littering. Ein Wort, das es im Sprachgebrauch meiner Großmutter, genannt "Mutti", noch nicht gab. Warum auch? Sie war die Letzte, die ein eigenes Wort für liegengelassenen Müll brauchte. Denn es gab ihn nicht. Ihretwegen. Deshalb ist sie meine Heldin. Mein Supergrosi.

 

Eine Superheldin stelle ich mir eigentlich nicht mit blondierter Dauerwelle und Stützstrümpfen vor. Helden haben aber die unterschiedlichsten Erscheinungsformen, wie ich vor ein paar Jahren lernen musste. Dann nämlich, als sich ein neues Wort in unseren Wortschatz drängte: Littering. Englisch, wie es sich für eine Wortschöpfung der heutigen Zeit gehört. Das, was hinter dem Wort steht, weckte eine Erinnerung in mir, die mein "Mutti" Jahre nach ihrem Tod zur Heldin machte.

 

Littering ist die Bezeichnung für eine unmögliche Mode der Neuzeit: Man trifft sich draußen, sobald die Temperaturen zu steigen beginnen und der Sommer sich verheißungsvoll ankündigt (das ist noch nicht der neue Teil). Man konsumiert, alleine oder gemeinsam mit Freunden - auch nicht neu. Dann lässt man die Überreste des Konsumierten an Ort und Stelle liegen und geht weg. Das ist neu. Auch wenn das Phänomen sich schon seit ein paar Jahren wiederholt. 

 

Hat denen denn niemand beigebracht …? Das frage ich mich spontan, wenn ich das sehe. Abgesehen davon, dass es diese Littering-Gesellschaft fertiggebracht hat, dass ich mich dank meiner Überlegungen uralt fühle (ich bin noch keine vierzig), bin ich nicht sicher, ob das überhaupt die richtige Frage ist.

 

Ich bin irritiert. Ist es fehlende Erziehung, fehlende Intelligenz oder ist man heute einfach zu cool, seinen Sch**** mitzunehmen? Den Abfall dann in den übersehbar kleinen Containern, die in unseren Breitengraden inzwischen gefühlt alle fünf Meter total unauffällig die Landschaft verschönern, zu entsorgen? Ich weiß es nicht. Und ich beiß mir an dieser Frage die Zähne aus. Noch mehr, seit ich von einem hypercoolen Typen zu hören bekam, dass er den Müll nicht entsorgen muss. Dafür sei schließlich die Stadtreinigung da. Aha.

 

Mein "Mutti" konnte kein Englisch. Sie brauchte es aber auch nicht, um zu verstehen, dass Abfall nicht auf die Straße gehört und nicht einfach liegengelassen oder achtlos weggeworfen werden soll. 

 

Ich weiß ja nicht, wie das bei euch war und ist, aber ich habe gelernt, Müll zu entsorgen. Nicht nur, wie man ihn entsorgt, nein, auch DASS man es tut. Müll und Entsorgen. Zwei Worte, die für mich untrennbar zusammengehören.

 

Eingeimpft wurde mir das so: Großmutter gab uns ein Bonbon. Karamell, die Besten. Die kleinen Kinderfingerchen kaum an den Flügeln der Folie platziert, um die Verpackung aufzudrehen, schwebte auch schon Großmutters geöffnete Hand vor meinen Augen.

 

Die Message war klar: Auspacken, Karamell in den Mund stecken, Verpackung rein in die offene Hand. So war sichergestellt, dass die Hülle im Müll landet. Nicht auf der Straße. "Mutti" war quasi mein wandelnder Mülleimer.

 

Nicht alles, was "Mutti" tat, war so vorbildlich. Logisch. Sie war auch keine Heilige, sondern auch nur ein Mensch. Zum Beispiel rauchte mein "Mutti". Nicht irgendwelche Zigaretten, nein, es mussten "Mary Long" sein. Die mit der adretten Dame auf dem Päckchen und dem weißen Filter. Großmutters Lieblingsmarke. Ein Phänomen: Tram oder Bus konnten noch so verspätet sein, wenn sie ihre Zigi anzündete, kam das Gefährt. Immer.

 

Was geschah dann mir der Zigi? Sie landete nicht etwa auf der Straße, nein! Sie wurde ausgedrückt. Es raschelte in der Handtasche und ein Säckchen wurde zutage befördert. Dort kam der Stummel rein. Immer.

 

Ja, es war ein Plastiksäckchen. Raschelsäckchen nannte ich es. Aber das landete nicht im Meer. Es landete im Abfalleimer. Zusammen mit unseren Bonbonverpackungen und den Zigistummeln. Immer.

 

Mülltrennung? Hätte sie gemacht, bestimmt. Leider starb sie, ehe sie auch hier Pionierarbeit hätte leisten können.

 

Meine Großmutter war eine Vorreiterin. Ihre Erziehungsmethode war subtil, aber effektiv. Sie zaubert sogar ein Lächeln aufs Gesicht, wenn man sich daran erinnert.  Ihre Methode, ob bewusst oder unbewusst angewendet, sorgte aber vor allem dafür, dass ich Abfall dahin entsorge, wo er hingehört: in den Müll.