Lesen am Tresen, Laufenburg

Lesen am Tresen zum Zweiten … dieses Mal waren die Buch-Bloggerin Annette König, der Kulturjournalist Urs Heinz Aerni und ich in Laufenburg eingeladen. Martin Willi – selbst Krimiautor – empfing uns in seiner KultSCHÜÜR. Er war an diesem Abend Gast und Gastgeber in einem.

 

Da es coronabedingt seit langer Zeit der erste Event war, freute ich mich natürlich riesig darauf! Ich war aber auch etwas aufgeregt. Nicht wegen dem Anlass an sich – diese Nervosität beginnt meistens erst, kurz bevor es losgeht – sondern wegen meinem Talent, vor solchen Veranstaltungen das Chaos anzuziehen. Trotzdem startete ich guter Dinge in den Abend.

 

Rechtzeitig aus dem Büro zu kommen, ist meist schon eine Challenge für sich. Doch an dem Nachmittag klappte das: Planmäßig verließ ich um 16.30 Uhr das Büro. Den Zug erwischte ich, ohne rennen zu müssen – ein Novum. In Frick angekommen war das Erreichen des Busses auch kein Thema. Einziges Problem: Ich war alles andere als alleine in dem Postauto. Ich und mein kleiner Rollkoffer voller Bücher stiegen hinten ein; in der Mitte hatte es keinen Platz mehr. Einen Sitzplatz bekamen wir nicht; machte aber nichts, das Gepäck wäre eh im Weg gewesen. Also klemmte ich den Koffer zwischen Trennwand und Knie und klammerte mich an der nächstbesten Stange fest.

 

Zugegebenermaßen habe ich die Fahrt unterschätzt. Es ging links und rechts, rauf und runter, über grüne Hügel, vorbei an Wiesen, Bauernhöfen und Wäldern ins Nirgendwo … Der Busfahrer lenkte das Fahrzeug – und damit auch seine Passagiere – in die Kurven, als wären wir auf einer Achterbahn (Anmerkung der Redaktion: Am nächsten Tag hatte ich dann tatsächlich Muskelkater vom Festhalten …).

 

Ein bisschen zu spät (die Baustelle unterwegs hatte Schuld, nicht unser Chauffeur) traf ich dann bei Nieselregen im schönen Laufenburg ein. Der Ort ist wirklich sehr schön – und ein bisschen ab vom Schuss … Auf dem Weg zum Eventlokal spazierte ich an einer kostümierten Figur vorbei … Es war eine Art Vogelscheuche mit Larve auf dem Kopf. Spontan musste ich an mein Buch denken, das ich im Gepäck hatte und aus dem ich an dem Abend lesen wollte – die Deko passte wie die Faust aufs Auge …

 

Obwohl ich mal keinen Anreisestress hatte, war ich die Letzte, die eintraf. Annette, Urs und Willi waren schon da – ich konnte sie beim Betreten der KultSCHÜÜR – und ja, es ist eine umgebaute Scheune – bereits hören; sie plauderten, lachten. Und ich begann zu grinsen: Wie lange war unsere letzte Begegnung her? Zu lange ... Ich freute mich auf den Austausch mit ihnen und darauf, Martin Willi endlich persönlich kennenzulernen. Ich stieg die Treppen hoch und wurde herzlichst empfangen. Meine Sachen durfte ich deponieren, die mitgebrachten Bücher auslegen und dann am Tisch Platz nehmen. Ausgestattet mit einem Glas leckeren Weißwein aus der Regio genossen wir zu viert ein liebevoll angerichtetes «Plättli». Urs erzählte seine Anekdoten und gab ein paar Witze zum Besten (eines seiner unzähligen Fachgebiete). Annette erklärte sehr anschaulich, dass ihr die Busfahrt hierher nicht besonders gutgetan hatte. Sie wollte es unbedingt vermeiden, erneut in einen Bus zu steigen, musste jedoch einsehen, dass das nicht möglich war, wenn sie von Laufenburg wieder wegkommen wollte.

 

Bald trafen die ersten Gäste ein und wir tauschten die Stühle am Tisch gegen die Hocker an der Bar: Das Lesen am Tresen konnte beginnen. Urs und Annette hatten ein paar Bücher dabei, deren Inhalt sie dem Publikum näherbrachten. Während Urs eher ausgefallene Büchlein im Petto hatte, empfahl Annette den einen oder anderen Roman. Einem Buchclub ähnlich sprachen die beiden über Bücher, Urs stellte Fragen, witzelte. Die beiden holten das Publikum ab, ließen es schmunzeln. Doch mit dem Schmunzeln war es bald vorbei, denn nach gut 20 Minuten wurde ich gebeten, meinen Platz an der Theke einzunehmen. Zu Beginn war alles ganz easy. Ich wurde ins Gespräch einbezogen, beantwortete brav Urs Fragen. Angeblich kommentierte meine Mutter, die digital dazugeschaltet worden war, fleißig meine Antworten. So fleißig, dass man – so erzählte man mir später – zeitweise das Mikrofon hat zuhalten müssen ... einfach herzerwärmend! Normalerweise kommt sie an jede meiner Veranstaltungen persönlich, an dem Abend hats leider nicht gepasst. Aber mein zweites Groupie, also mein Mann, war da und ermöglichte es meiner Mutter, per Videotelefonie doch noch mit von der Partie zu sein. Sie sind einfach die Besten!

 

Eine Frage, die meine Mutter bestimmt auch kommentiert hat, war, ob mich meine Bücher während des Schreibens verändern bzw. ob sich etwas in mir verändert. Ich verneinte. Zu denken gab mir die Frage dennoch. Meine Literatur zielt zu sehr auf Unterhaltung ab. Ich denke, sie ist zu wenig tiefgründig, um etwas in den Menschen zu bewegen, das weiter geht als ekel. Ich selbst mache mir während des Schreibens eigentlich auch kaum Gedanken über die Grausamkeiten, die ich zu Papier bringe. Diese Abgründe kommen nicht an mich heran. Ich frage mich nun, ob ich inzwischen zu abgestumpft bin. Aber ich glaube nicht. Ich glaube eher, dass ich bewusst abgrenze. Ich erschaffe eine fiktive Welt und nehme dafür die echte als Kulisse. Das ist alles sehr oberflächlich. Damit in mir drin wirklich etwas passiert, muss es tiefer gehen. Aber ich achte darauf, dass das nicht geschieht. Denn sonst würde ich vermutlich nicht mehr schreiben.

 

Dann durfte ich aus meinem Buch lesen. Meins war so ganz anders als die, die Annette und Urs mitgebracht hatten. Das Publikum hörte zu. Ich glaubte, eine leichte Anspannung wahrzunehmen, als ich über ausgestopfte Leichen zu lesen begann. Das könnte ich mir aber auch nur eingebildet haben ... Nach meiner Kurzlesung wurde Martin Willi, unser Gastgeber, auf den verbliebenen Stuhl am Tresen bestellt. Er setzte sich kurz hin. Doch als es ums Lesen ging, stand er auf, schob den Stuhl beiseite. Er schreibt neben den Krimis Theaterstücke, das merkt man. Er las nicht nur aus einem bereits veröffentlichten Krimi, er las auch aus einem, der sich derzeit in der Entstehung befindet. Dem Publikum einen Einblick in etwas zu gewähren, das noch nicht fertig ist, finde ich spannend. Viele Künstler sind in der Hinsicht ja ziemlich eigen: Es wird erst Einblick gewährt, wenn das Werk fertig ist. Nicht so Martin Willi.

 

Während ich Martin zuhörte, dann wieder Annette und Urs lauschte, wie sie begeistert von ihren Buchentdeckungen erzählten, fiel mir auf, was mir an dem Format so gefällt: die Vielseitigkeit. Unterschiedlich präsentiert kamen verschiedenste Arten Literatur zusammen. Von Gedichten aus der Feder des Heinz Erhardt, die eine lustlos im Fondue stochernde Runde wieder zum lustvollen Rühren bringt, von Frauen, die ihren Weg suchen und viel mehr finden, von Mördern, die während der Tat ein schlechtes Gewissen entwickeln, wenn auch nur kurz; und von gehäuteten, ausgestopften Leichen, die als Kunstwerke ausgestellt werden. Aber nicht nur die vorgestellten Bücher sind vielseitig. Urs, der immer einen Spruch auf den Lippen hat, beschäftigt sich leidenschaftlich gerne mit Ornithologie. Annette, die in Neuere Deutsche Literaturwissenschaft doktorierte, betreibt Kampfsport. Martin, ein gestandener Mann, staunt, wie gut er sich in Frauen versetzen kann. Und ich? Man würde mich wohl als Frohnatur beschreiben, die brutale und blutrünstige Thriller schreibt.

 

Unter den Gästen war auch eine Journalistin. Sie schrieb während des Anlasses fleißig mit, brachte ihr Tischchen so zum Wackeln, dass ihr Wein beinahe überschwappte. Dabei kam dieser Artikel raus. Am Ende unserer Session wollte sie noch das eine oder andere übers Schreiben erfahren – aus privatem Interesse. Es gab auch noch einen anderen Gast, der mir übers Schreiben an sich Fragen stellte. Diese Fragen hörte ich nicht zum ersten Mal. An dem Abend fiel es mir aber besonders auf, wie viele Menschen mich danach fragen, wie ich das mit dem Schreiben denn so mache. Wann ich Zeit dazu habe. Woher ich die Ideen nehme. Wie ich vorgehe. Meistens stellt sich dann im Laufe des Gesprächs heraus, dass jene, die fragen, selbst gerne schreiben würden, aber einfach nicht wissen, wie anfangen. Ich kann niemandem einen wirklich guten Rat geben. Ich kann nur sagen: Setzt euch hin und versucht es einfach. Schreibt nieder, was euch durch den Kopf geht. Entweder ihr merkt, dass es euch liegt und dann kommt immer mehr und es beginnt sich aus Fetzen ein Bild zu formen oder ihr merkt, dass es so überhaupt nicht euer Ding ist. So oder so: Tut es. Denn nur dann wisst ihr Bescheid und könnt entweder weiterschreiben oder weiterziehen.

 

Weitergezogen sind Annette, Urs und ich dann auch. Meinen Mann nahmen wir natürlich mit. Wir bestiegen den letzten Bus Richtung Frick – ganz zum Leidwesen von Annette – und von dort ging die Reise mit dem Zug weiter nach Zürich. Als der Abend endete, hallten die Erlebnisse positiv nach.

 

Liebes Laufenburg, liebe KultSCHÜÜR, ich danke vielmals für die Gastfreundschaft. Die Belegschaft war einfach zauberhaft, das Publikum wunderbar, der Gastgeber ein Meister seines Fachs, der Moderator und die Buchbloggerin waren wie immer eine Nummer für sich – im positiven Sinn natürlich.

 

Hoffentlich bis bald, eure Anja

 

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